Die Konzerte, die Edwyn Collins 2019 in Österreich gab, berührten die Zuschauer wie kaum einer seiner Auftritte davor. Von Schlaganfällen gezeichnet, waren die Ansagen des Mannes oft nur kurz, aber wenn er sang, war da dieser ihm eigene Charme, der eine Vielzahl an grandiosen Songs – wie etwa „Falling and Laughing“ oder „A Girl Like You“ – zu Monumenten machte. Einigermaßen überraschend erscheint nun sein zehntes Soloalbum „Nation Shall Speak Unto Nation“ (AED) – ein Opus, das zeigt, was Musik erreichen kann. In seinem Studio in Helmsdale werkte Collins so lange mit seinen engsten Mitstreitern, bis sein untrügliches Gespür ihm sagte, dass die Songs perfekt waren. Schon der Opener „Knowledge“ ist eine jener Britpop-Balladen, die beim ersten Hören die Frage aufkommen lassen, warum sie erst jetzt geschrieben wurden. Die Umgebung seiner Heimat an der schottischen Nordostküste inspirierte Collins auch zum Folksong „The Bridge“, mit dem er einem bestimmenden Ort seiner Kindheit ein Denkmal setzt. Auch wenn Collins angekündigt hat, seine letzte Tournee zu spielen, ist dieses Album das Statement eines stilprägenden Songwriters, der hoffentlich noch viele Songs für diese Welt schreiben wird. Denn sein Motto lautet: „Wenn du lachst, lache noch einmal.“

Edwyn Collins, „Nation Shall Speak Unto Nation“ (AED)
Von einem alten Meister zu einem jungen Wilden. Kai Slater ist als Bassist der Rocktrios Lifeguard zumindest einem kleinen Kreis bekannt. Daneben betreibt er ein Fanzine mit dem schönen Titel „Hallogallo“, das seine Affi-nität zu den deutschen Elektropionieren Neu! zeigt sowie das Soloprojekt Sharp Pins, mit dem er jetzt „Radio DDR“ vorlegt und sich ganz dem selbstgebastelten Powerpop widmet (K Records). Das klingt dann in den besten Momenten so wie ein von Steve Albini produzierter Paul McCartney nach der Auflösung der Beatles – und das ist beängstigend schön. Dazwischen streut Slater eine Sixties-Ballade wie „You Don’t Live Here Anymore ein, die auch auf jedem „Big Star Album“ einen fixen Platz gehabt hätte. Damit wären wir auch schon bei den Urvätern des Power Pop, denen hier nicht bloß Reverenz erwiesen wird; ihr Wirken wird mit all dem Charme eines jungen kreativen Genies in die Gegenwart geholt.

Kai Slater, aka Sharp Pins, „Radio DDR“ (K Records)
Die Dichte der Musikszene in Brighton, dem Fluchtort für gut situierte Londoner am Ärmelkanal, ist mehr als bemerkenswert. Neben Insidertipps wie den fantastischen Hollow Hand, die sich dem Erbe des US-Wurzelrocks der siebziger Jahre verschrieben haben, starten die Lambrini Girls gerade mit ihrem Debütalbum „Who Let the Dogs Out“ (City Slang) durch. Das Punk Duo grantelt über den Zustand der Welt mit Songs wie „Big Dick Energy“ oder „God’s Country“. Vorbilder wie Kathleen Hanna oder Juliette and the Licks liegen auf der Hand, aber in all dem jugendlichen Hass auf die Welt orientieren sich die Lambrini Girls eher an der harten US-Punkschule und nicht an den immer melodieverliebten britischen Vorgängern. Aber ihre Rollen als zornige jungen Frauen, die der Welt den Mittelfinger entgegenstrecken und alle Polizisten hassen (schlag nach bei Mudhoney), füllen sie mit Leidenschaft und Herzblut aus.

Lambrini Girls, „Who Let the Dogs Out“ (City Slang)
Diese Eigenschaften zeichnen auch Adrianne Lenker aus. Als kreativer Mittelpunkt von Big Thief sind ihre Songs irgendwo zwischen Country, Folk und der Cosmic American Music eines Gram Parsons Benchmarks des gegenwärtigen Songwriting. „Live at Revolution Hall“ (4AD) dokumentiert ihre letztjährige Solo-Tour und wurde an insgesamt drei Abenden in Portland aufgenommen. Für den Sound sorgte der langjährige Mitstreiter bei Big Thief, Andrew Sarlo. Dieser entschied sich für eine Mischung, die oft nach rauem Bootleg klingt; dazu wurden auch noch Unterhaltungsfetzen zwischen den Songs eingestreut, was den Hörfluss doch empfindlich stört. Lenker lebt und atmet diese Songs buchstäblich, aber die technische Umsetzung stellt der großartigen Performance dieser Jahrzehntkünstlerin doch das eine oder andere Bein.

Adrianne Lenker, „Live at Revolution Hall“ (4AD)
Warum McKinley Dixon nicht zu den großen innovativen Stars zählt, ist eines der nicht aufklärbaren Rätsel. Nixon ist Chronist der schwarzen Kultur und der Diskriminierung, der souverän zwischen HipHop, Soul, Jazz und Funk oder auch den Klanginnovationen einer Kae Tempest wechselt. Auf „Magic, Alive“ (City Slang) erzählt er mit all seiner stilistischen Vielfalt die Geschichte von drei Kindern, die ihren besten Freund verlieren und alles tun, um ihn zurückzubekommen. Und hier beginnt die wahre Geschichte: nämlich die der Magie und die Verhandlung der Frage, ob es sich lohnt, an etwas außerhalb unserer Wahrnehmung zu glauben. Seine kurzen Stücke sind voller Wendungen und Tricks, aber all die Finessen unterstützen nur die Magie dieses Albums, das vielleicht manchmal anstrengend ist, aber den Hörer auch mehr als belohnt.

McKinley Dixon, „Magic, Alive“ (City Slang)
Kommen wir zum Abschluss zurück nach Österreich: Tim Townes hat sich auf seinem selbstbetitelten Debütalbum nicht – wie sein Name verraten könnte – dem Country-Outlaw-Songwritertum verschrieben, sondern kokettiert ganz offen mit dem Frühwerk von Falco und der Neuen Deutschen Welle. Nun ist deren Naivität nie mehr zu reproduzieren, und in diese Falle tappt der flinke Luftikus auch nicht. Er schreibt mit „Gott der Innovation“ ein oberflächlich höfliches, aber bitterböses Spottlied über Tech-Milliardäre und ihr Selbstverständnis oder huldigt schon fast kitschig dem Frühling in seiner Heimatstadt Wien, die ihn fest im Griff hat. Der rote Faden der Songs sind die Dellen, die das Heranwachsen mit sich bringt, aber auch hier entgeht er der Jammerfalle souverän und geht unbeirrt seinen Weg der unbedingten Offenheit. Da passt es schon perfekt, dass er sich auf „Rücksitz“ ganz im Eleanor-Rigby-Stil von einem tollen Streicherarrangement begleiten lässt. Vielleicht setzt sich Tim Townes zwischen viele Stühle, aber genau dort ist der Platz, wo Wunder geschehen.

Tim Townes, „Tim Townes“

