Es Gibt Geschichten, die einfach zu gut sind, um sie nicht zu erzählen, auch wenn der Wahrheitsgehalt vielleicht doch eher fraglich ist. Aber wen kümmert das schon? Holly Humberstone wuchs mit ihren drei Schwestern in einem Spukhaus in Grantham auf, einem Ort zwischen Nottingham und der Ostküste – in einer eher wirtschaftlichen und kulturell verlassenen Gegend also. Schon auf ihrer ersten EP „Falling Asleep at the Wheel“ erzählte sie die Geschichte vom Haus voller guter Geister, das für sie eine Festung war und sie schützte, wenn sie Menschen in der Umgebung beobachtete und sich Geschichten dazu ausdachte. Diese EP blieb nicht wie viele andere unbeachtet und fristete ihr Dasein nicht als Karteileiche auf einer Streamingplattform, sondern gewann 2022 den Brit Rising Star Award, der ihr dann von Sam Fender überreicht wurde.
Daraufhin war Holly Humberstones Weg in Richtung Popstar nicht mehr aufzuhalten, und vor allem verlagerte sich ihr Leben aus der englischen Einöde in viele Hotelzimmer und auf die großen Bühnen, um als Support-Act Erfahrung zu sammeln und sich einen Namen zu machen. Neben Auftritten bei allen Festivals der Oberliga trat sie auch im Rahmen der Eras Tour von Taylor Swift im Wembley-Stadion vor 90.000 Swift-Fans auf und hinterließ mit ihren Midtemposongs einen nachhaltigen Eindruck.

Holly Humberstone © Phoebe Fox
Nun ist mit „Cruel World“ gerade das Album erschienen, das Humberstone in die Liga der Megastars katapultieren soll. Und statt vom Spukhaus ist nun von Selbstständigkeit die Rede. Sie kaufte sich zusammen mit zwei Schwestern und einer Freundin ein Haus im Südosten von London, das man guten Gewissens als Bastlerhit bezeichnen kann, und fing an, es bewohnbar zu machen. „Ich habe meine Kindheit in Umzugsboxen verpackt und suchte eine neue Art von Geborgenheit in der neuen Umgebung.“
Und von dieser neuen Umgebung fuhr sie jeden Tag mit dem Vorortezug Richtung Norden nach Walthamstow in das Studio ihres Produzenten Rob Milton, machte sich unterwegs Notizen, schrieb Textzeilen und ließ sich von den Gesichtern der Pendler inspirieren. Einige Songs hatte sie schon bei Konzerten ausprobiert, doch allen war klar, dass diese Songs entscheiden werden, in welche Richtung die Karriere in den nächsten Jahren gehen wird. Der Platz von Taylor Swift als selbstbewusstes All American Girl ist vergeben, die Rolle von Billie Eilish als vorsichtiger Trotzkopf, die mühevoll gelernt hat, auf sich aufzupassen, ist ebenfalls besetzt. Also blieb Humberstone sich treu und entschied sich für die noch nicht abgebrühte Frau, die an die Liebe glaubt und diese auch sucht. Auf diesem Gebiet gelingen ihr zukünftige Festivalfavoriten wie „To Love Somebody“, wobei der Schmerz, den Liebe bedeuten kann, immer mitschwingt. Hier ist eine Künstlerin am Werk, die ihren Weg vorgezeichnet hat, die für Streamingrekorde sorgen kann und große Hallen füllen wird.

Humberstone: „Cruel World“ (Universal)
Live: 26.9.2026 Hamburg; 27.9.2026 Berlin; 28.9.2026 München

