Mit den Clowns kamen die Tränen

Der französische Film „Auf zwei Rädern“ verbindet eine Fahrradtour quer durch Europa mit nachdenklichen Reflexionen über Leben und Tod. Zwischen Humor, Melancholie und stiller Trauer entfaltet sich ein Roadmovie, das lange nachhallt.

© MES Productions / F Comme Film / Emmanuel Guimier

Irgendwo in der Einschicht in Bulgarien, auf einem Platz, auf dem es eher lauschig zugeht, steht eine Statue des Kosmonauten Juri Gagarin. Er war vor allem in den Ländern des ehemaligen Ostblocks eine Berühmtheit: der erste Mensch, der die Erdatmosphäre verließ und in den Weltraum flog. Statuen des Mannes mit Helm kann man in den früher kommunistischen Ländern an vielen Orten finden. Sehr selten allerdings wird jemand eigens wegen Gagarin in ein Kaff fahren, um dort ein Foto zu machen, wie es in einer Szene des Films Auf zwei Rädern (À bicyclette!) zu sehen ist: Philippe und Mathias, zwei Franzosen von mäßig sportlicher Konstitution, sind einen langen Weg aus La Rochelle am Atlantik nach Bulgarien gestrampelt, und sie wollten dabei bewusst an diesen Ort, an dem der Tourismus sonst keine Rolle spielt. Sie haben dafür einen sehr triftigen Grund: sie leisten Trauerarbeit. Denn Mathias muss irgendwie über den frühen Tod seines Sohnes Youri hinwegkommen. Ein Jahr ist das nun her, und fünf Jahre liegt die große Fahrt zurück, die Youri einmal unternommen hat, mit dem Fahrrad von Frankreich in die Türkei, von La Rochelle nach Istanbul. Unterwegs traf er auf das Denkmal von Juri Gagarin, und weil der sowjetische Weltraumheld sein Namenspatron war, nahm er ein Bild davon auch in das Fotobuch auf, mit dem er sein Abenteuer dokumentierte.

Für Mathias und Philippe ist dieses Album nun die Vorlage für ihre eigene Expedition: zwei Männer mittleren Alters. Dem einen sieht man an, dass er gern isst, der andere macht sich darüber gern ein wenig lustig – er ist schmal und hager, aber auch nicht der athletische Typ. Außerdem braucht Philippe des Öfteren eine Zigarettenpause. Was ihnen an Kondition fehlt, machen sie mit Motivation wett. Und so wird ihre Reise zu einer philosophischen Besinnung: Abends vor dem Zelt oder bei gastfreundlichen Leuten reden Philippe und Mathias über das Leben und über den Tod, sie verhandeln die großen Fragen, aber immer in einem Tonfall, für den man nicht in die Bibliothek gehen muss.

© MES Productions / F Comme Film / Emmanuel Guimier

Der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Mathias Mlekuz verarbeitet in Auf zwei Rädern eigene Erfahrungen. Im Abspann bekommt man auch den realen Youri zu sehen, schon während des Films spürt man, dass es sich nicht einfach um ein Rührstück handelt, sondern um ein Stück richtigen Lebens, das für ein mitfühlendes Publikum aufbereitet wurde. Wie weit Mlekuz im Detail den tatsächlichen Erfahrungen seines Sohnes gefolgt ist, spielt dabei gar keine entscheidende Rolle. Manche Szenen lassen allerdings durchaus erahnen, dass alles Wesentliche schon bereit war – und dass die eine oder andere ein wenig ungelenke Stelle in der Erzählung wohl damit zu tun hat, dass sich im Leben nicht immer alles drehbuchreif fügt.

Mathias und Philippe folgen Youri auch in einer sehr konkreten Hinsicht. Sie treten unterwegs als Clowns auf, wie er das schon getan hat. Auf diese Weise kommen sie in Kontakt mit Kindern in Frankreich und später in Rumänien – in den großen Augen der Kleinen, die schon bei sehr bescheidenen Gags beeindruckt sind, kann man wohl auch eine Vorstellung von Publikum erkennen, auf die Mlekuz hofft. Ein Publikum, das sich unbefangen und ohne skeptische Rückfrage auf die einfachen Dinge einlässt.

Die einfachen Dinge sind schon seit einer Weile ein Leitmotiv im französischen Arthousekino, nicht zuletzt durch den gleichnamigen, sehr erfolgreichen Film von Éric Besnard aus dem Jahr 2023. Einfacher als auf zwei Fahrrädern, nur mit einem Hund und dem Allernötigsten im Gepäck, kann man Europa wohl kaum erkunden …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 85.

 

AUF ZWEI RÄDERN / À BICYCLETTE
Drama/Komödie – Frankreich 2024
Regie: Mathias Mlekuz; Drehbuch: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot; Kamera: Florent Sabatier; Schnitt: Céline Cloarec; Musik: Pascal Lengagne
Mit: Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz, Adriane Grzadziel, Marzieh Rezaee, Laurent Jouault und der Hund Lucky
Verleih: Polyfilm, 89 Minuten
Kinostart: 9. Juli 2026

 

| FAQ 85 | | Text: Bert Rebhandl
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