Sie stehen die ganze Zeit über unter einer ungeheuren Anspannung. Laufen herum wie offene Messer, zittern wie bis zum Zerreißen gespannte Saiten. Da hat noch keine der Figuren auch nur ein Wort gesagt, da spürt man schon die Vibration in ihrem Inneren, als stünden sie unter Strom, als warteten sie nur auf den nächsten Blitzeinschlag, oder darauf, in einen anderen wie der Blitz einzuschlagen. Und das passiert dann auch.
Die Frau ist im Wald mit ihrem Falken unterwegs, liegt in der Wurzelkuhle ihres Lieblingsbaums, behütet in der Natur, die ihre Energiequelle ist. Der Mann steht in der Stube am Fenster und lässt sich von drei Buben im Hintergrund das Lateinische herunterbeten, in dem er sie unterrichtet. Als er sieht, wie die Frau mit dem Falken zurückkehrt und durch den Garten in die Scheune geht, lässt er seine Schüler sitzen und folgt ihr nach. Er erfragt ihren Namen und will doch gleich viel mehr, nämlich alles, sie verrät ihren Namen und weist ihn doch ab. Während die Funken nur so sprühen und die Blitze zahllos einschlagen. Lange dauert es nicht, da sitzt sie schwanger in seinem Haus und sorgt für einen Skandal, und gegen mancherlei Widerstände – denn diese Welt ist bestimmt von Hierarchie und Gewalt – gründen sie ihre Familie. Sie ist die Tochter einer Waldhexe und er der Sohn eines Handschuhmachers. Bald wird er Theatermacher sein und in London Erfolge feiern und sie ihm zuhause in Stratford den sicheren Hafen bereithalten; darin die erstgeborene Tochter Susanna und die Zwillinge Judith und Hamnet.

Wer hat sich noch nie gefragt, wo die große Ratlosigkeit und die tiefe Verzweiflung in William Shakespeares (wahrscheinlich) 1602 uraufgeführter Tragödie „Hamlet“ ihren Ursprung nahmen? Wen hat dieser an keiner Lösung interessierte Blick in ein Spiegelkabinett aus Täuschungsmanövern und Verstellungskünstlerei noch nie in bodenlose Trauer gestürzt? Warum müssen am Ende alle sterben und der Rest ist Schweigen? Wer ist es, der sich dergestalt vom Leben betrogen fühlt, dass er den Glauben an den Sieg der Wahrheit in Degengefecht und Giftmord begräbt? Hamlet? Wir alle, die wir zagen und zaudern angesichts der Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks. Denn Sein oder NichtSein ist die Frage und sie wird nicht banal, selbst wenn sie zum millionsten Mal gestellt wird. Mit der in „Hamlet“ entworfenen nihilistischen Perspektive auf die menschliche Existenz war Shakespeare seiner Zeit weit, weit voraus. Die im Stück entwickelte Erkenntnis trifft jede Gegenwartsgesellschaft aufs Neue bis ins Mark. Weswegen diese Tragödie wieder und immer wieder auf der ganzen Welt aufgeführt wird, hundertfach verfilmt wurde und in vielfältigen Adaptionen zeitlose Gültigkeit bewiesen hat. Was aber hat dieses monumentale Menschheits-Stück ins Leben gerufen?
Maggie O’Farrell hat in ihrem 2020 erschienenen Roman „Hamnet“ eine Antwort auf diese Frage versucht, und Chloé Zhao hat diesen Roman nun adaptiert und mit Hamnet einen außerordentlichen und ungewöhnlichen Film geschaffen.
Einen Film, in dem die Handlung spärlich, das Gefühl jedoch überbordend ist. In dem die Liebe den Körper schmerzt, die Sehnsucht das Herz sprengt, in dem das Kreatürliche, das Animalische und das Menschliche zur Deckungsgleichheit gelangen, so dass an manchen Stellen das rohe Fleisch hervorlugt und die Seele nackt dasteht. Man kann dann kaum hinschauen.

Hamlet also, oder Hamnet, das gibt sich zur Zeit der Handlung des Films respektive der Entstehung des Stücks nichts, das sind sozusagen austauschbare Namen, wie etwa Meier und Meyer oder Mayer und Maier. Hamnet, oben erwähnter Sohn oben erwähnten Theatermachers, fällt 1596 im Alter von elf Jahren (mutmaßlich) der Beulenpest zum Opfer. Mutter und Vater geraten darüber zuerst an- und dann auseinander – man kennt das – und jeder für sich droht, abgekapselt, am Kummer zu sterben. Die Frau verstößt den Mann, der Mann will in die Themse springen, besinnt sich aber eines Besseren, besinnt sich seines Handwerks und schreibt ein Stück, das nicht nur seinen Schmerz sublimiert, sondern auch seine Frau von dem ihren erlöst.
Der Name „William Shakespeare“ fällt erst sehr spät, eigentlich erst gegen Ende des Films, als Agnes das erste Mal die Londoner Wirkungsstätte ihres Mannes in Augenschein nimmt und kopfüber in die illusionistische Welt des Globe Theater stürzt, sich in das Geschehen auf der Bühne einmischt und erfährt, wozu Theater einst erfunden wurde: Katharsis. Der Weg wird freigesprengt und die Eheleute finden wieder zueinander. Zhao inszeniert das mit nicht unbeträchtlichem Pathos, die Szene wird groß und symbolisch, Mitleid und Schrecken werden unmittelbar erfahrbar; Max Richter, der mit dem Score für Hamnet betraut ist, legt sein umwerfendes Stück „On the Nature of Daylight“ daran an. Der kathartische Moment ergreift nicht nur das Publikum im Theater auf der Leinwand, sondern auch jenes davor. Nicht wenige haben geweint in der Vorführung, die ich sah.
Mit ihrem bisherigen Werk hat Chloé Zhao auf eindrucksvolle Weise ihren filmemacherischen Mut bewiesen. Ihr Debüt Songs My Brothers Taught Me (2015) ist im Lakota Reservat Pine Ridge in South Dakota angesiedelt und schildert semi-dokumentarisch die prekären Lebensumständen der Native Americans am Beispiel einer weitverzweigten Sippe. Daraus hervorgeht Zhaos nächster Film, The Rider (2017), ein Neo-Western mit sozialem Bewusstsein und großer Wirklichkeitsnähe. Zhao – 1982 in Beijing, China, geboren, an Privatschulen in England und den USA sowie an der Tisch School of the Arts, New York, ausgebildet – wird als Hoffnungsträgerin des Independentfilms gehandelt. Mit dem folgenden Nomadland (2020) bestätigt sie diese Hoffnung. Erneut holt sie die Randständigen in den Fokus: Diesmal sind es die Arbeitsnomaden, die in ihren Wohnmobilen in der Weite der US-amerikanischen Landschaft unterwegs sind und sich von Job zu Job hangeln. Als erste Asiatin überhaupt erhält Zhao – die mittlerweile in Kalifornien zuhause ist und deren Werk in ihrem Mutterland wegen kritischer Äußerungen ignoriert wird – für diese Arbeit Academy Awards für die Beste Regie sowie für den Besten Film. Ein weiterer Oscar für die Beste Schauspielerin geht an Hauptdarstellerin Frances McDormand, die Nomadland auch mitproduziert hat. Statt es sich aber nunmehr im Arthouse-Segment bequem zu machen, stattet Zhao als nächstes dem Mainstream einen Besuch ab und dreht mit The Eternals (2021) einen Superhelden-Film, der das zunehmend eintönige Genre zwar auch nicht neu erfindet, aber immerhin ein paar eigenwillige Akzente setzt …
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HAMNET
Drama – Großbritannien/USA 2025 — Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell, Kamera: Łukasz Zal,
Schnitt: Affonso Gonçalves, Chloé Zhao, Musik: Max Richter,
Kostüm: Malgosia Turzanska
Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal, Zac Wishart,
James Lintern, Joe Alwyn, Emily Watson,
David Wilmot, Jacobi Jupe, Justine Mitchell,
Verleih: Universal Pictures, 125 Minuten
Kinostart: 22. Jänner 2026

