Pastell und Paranoia

Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“: ein Spionagefilm wie ein Musikstück von Satie.

Benicio del Toro in "The Phoenician Scheme". Foto: UPI

Es beginnt mit einem Absturz – natürlich tut es das. In Wes Andersons neuestem Werk „Der phönizische Meisterstreich“ (Originaltitel: The Phoenician Scheme), das am 30. Mai in die Kinos kommt, fällt ein Flugzeug in Zeitlupe vom Himmel, eingebettet in verblichene Traumsequenzen und getragen von dunklen Cellotönen. An Bord: Zsa-zsa Korda, gespielt von einem zart verwitterten Benicio del Toro – ein Luftfahrtmagnat, dessen exzentrische Mischung aus Melancholie und Machtrausch ihn direkt in Andersons Miniaturwelt katapultiert. Er überlebt – und entscheidet in einem Akt bizarrer Klarheit, sein gesamtes Imperium seiner Tochter Liesl zu vermachen, einer Nonne mit düsterer Vergangenheit, verkörpert von der wunderbar stoischen Mia Threapleton.
Was folgt, ist kein klassischer Thriller, sondern eine stilisierte Meditation über Erbe, Loyalität und die Frage, was geschieht, wenn Macht in die falschen – oder allzu richtigen – Hände gerät. Die Handlung verästelt sich wie ein Jugendstilornament: ein Lehrer, gespielt von Michael Cera, mit mehr innerem Konflikt als Handlungsmacht; eine geheime Verschwörung rund um antike Manuskripte; und ein Ensemble aus Tycoons, Terroristen, Attentätern und Schachspielern, das wie aus einer absurden Märchenanthologie zusammengestellt scheint.

Mia Threapleton © UPI

Bill Murray © UPI

Gedreht in den ehrwürdigen Babelsberg Studios, ist „Der phönizische Meisterstreich“ ein Film, der jede Einstellung behandelt wie ein Gemälde – überbelichtet, überstilisiert, überlegt. Die Kamera von Bruno Delbonnel schwebt durch Kulissen, die ebenso gut auf einem Puppenhausboden wie in einer Nationalgalerie Platz fänden. Alexandre Desplats Musik – sanft pluckernd, gelegentlich bedrohlich – scheint eher zu träumen als zu begleiten.
Anderson bleibt sich treu, und doch wagt er hier einen seltenen Schritt: ins moralische Zwielicht. Zwischen all den pastellfarbenen Uniformen und perfekt symmetrischen Gängen breitet sich eine Unruhe aus, ein feiner Riss im Lack der Ironie. Was bedeutet es, in einer
Welt, die aus Papierkulissen besteht, Verantwortung zu tragen?
Die Antwort bleibt offen. Vielleicht liegt sie im Blick der Nonne Liesl, wenn sie in den Himmel schaut, als könne sie dort bereits die nächste Katastrophe erkennen. Oder zumindest den Vorspann eines neuen Kapitels.
Wes Anderson hat kein Kino gemacht, er hat ein Uhrwerk konstruiert – präzise, poetisch, paradox. Und es tickt wunderschön. Man darf gespannt sein, wenn es Ende Mai erstmals auf der großen Leinwand zu schlagen beginnt.

Mit an Bord: Benicio del Toro, Mia Threapleton, Michael Cera, Riz Ahmed, Tom Hanks, Bryan Cranston, Mathieu Amalric, Richard Ayoade, Jeffrey Wright, Scarlett Johansson, Benedict Cumberbatch, Bill Murray, Charlotte Gainsbourg, Antonia Desplat

Kinostart: 29. 5. 2025

 

| FAQ 80 | | Text: Mitko Javritchev
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