Prinz mit Bart

Text: Günther Bus Schweiger | Fotos: Domino Records

 

Licht

Es gibt Momente im Leben, da geht einem buchstäblich ein Licht auf. Früher nannte man das vielleicht Erleuchtung, heute wäre wohl der Begriff Klarheit angebracht. 2007 gastierte Bonnie „Prince“ Billy beim Donaufestival im Krems. Natürlich war der Anfang des Konzerts nach hinten verschoben worden und das Publikum in der Halle, die einem riesigen Bierzelt nachempfunden war, hatte den Gastronomen schon gute Umsätze beschert. Der Star des Abends spielt ein großes, klares Konzert und dann greift er in die Kiste der Coverversionen: „Love Hurts“, diesen Song der Mitteleuropäern durch Nazareth für lange Zeit vergällt wurde, wird zur Hymne, die mich erkennen lässt, was Gram Parsons mit dem Begriff „Cosmic American Music“ gemeint haben könnte und dem Parsons selber im Duett mit Emmylou Harris schon sehr nahe kam. Wessen Rolle auch immer Oldham in diesem Moment spielt, er steigt geradezu in den Song hinein, muss sich nicht mit der drogenbedingten Schwäche von Parsons herumschlagen und kreiert aus dem Nichts einen großen Moment der Wahrheit. Die Umgebung ist in diesem Moment egal, die späte Stunde und die Hitze werden weggeblasen von einer Interpretation, bei der sich Mut, Kraft und Innigkeit vereinen. Auch wenn er einmal in einem Interview meinte, dass „es keine definitiven Versionen von Songs geben kann, denn der Song hat immer wieder die Chance neu zu atmen und eine neue Existenz zu finden, besonders wenn er live gespielt wird“, so war es zumindest die ultimative Version in diesem Moment und in meinem Leben.

Prince

Will Oldham hält sich absichtlich und wohl auch gescheiterweise zurück. In den Neunzigern veröffentlichte er seine Musik unter Namen wie Palace Brothers, Palace Music oder Palace Songs, bevor der Mittvierziger Bonnie „Prince“ Billy erfand und fast seine gesamte Songs seither unter diesem Namen veröffentlichte. Egal unter welchem Namen er gerade firmierte, seine Schaffenskraft war immer groß – die Liste der Veröffentlichungen ist lang und hält aktuell irgendwo zwischen 30 und 40. In der Welt eines Künstlers, der kein Management hat, der ausschließlich mit Menschen zusammenarbeitet, denen er vertraut und der seit Jahr und Tag auf dem gleichen Label (Drag City) veröffentlicht, ist es auch möglich, dass eine Single nur im Plattenladen seines Wohnortes Louisville, Kentucky verkauft wird. Komplettisten müssen eben den Pilgerweg antreten, oder auf internationale Datenverbindungen hoffen. Manche Songsammlungen gibt es auf Tour zu erwerben, und wieder andere erscheinen nur auf einem Format. Ein Freund des formlosen Downloads von der Website ist Oldham bis jetzt definitiv nicht.

Die Plattensammlung seiner Eltern verzauberte den heranwachsenden Will, aber die Musik war nicht seine erste Wahl. Er versuchte sich als Schauspieler, schaffte sogar ein paar Rollen, darunter auch mit 17 in dem John-Sayles-Film Matewan (1987), aber Hollywood ist für einen Heranwachsenden, der schon die eine oder andere Schrulle hat und Privatheit zu schätzen weiß, kein Ausgangspunkt für eine Karriere. Es zog ihn wieder nach Kentucky, und die Palace Brothers nahmen Konturen an. Auch wenn die ersten Platten alles andere als zugänglich waren, war eines klar: Dass der Mann dahinter, der Songs wie „New Partner“oder „I am a Cinematographer“ schrieb, mehr als ein Talent war und definitiv die Bühne betreten hatte, um dort zu bleiben. Prädikate wie Gothic Country oder Americana waren schnell zur Hand, aber er emanzipierte sich schnell von diesen Szenen, auch dadurch, dass seine Songs in anderen Zusammenhängen auftauchten. Glen Hansard, ein ähnlicher Freigeist wie Oldham, coverte u.a. „New Partner“, Marianne Faithful trug sich in die Liste der Interpreten ein und auch Mark Lanegan gab „You will miss me, when I burn“ die Ehre.

Ich und ihr

Das Werk von Will Oldham ist vielfältig und verzweigt. Man könnte meinen, dass er ein Freund der Spontaneität ist, seine Aufnahmen schnell entstehen und er seinem Instinkt vertraut. Das mag zum Teil stimmen, aber seine Gedanken zur Wirkung von Songs sind erstaunlich. „Manchmal muss man einen Song im Studio zwei- oder dreimal spielen und wenn man dann alle Versionen anhört, realisiert man, dass der dritte Versuch der beste war. Du hast dich vielleicht beim ersten oder zweiten Mal besser gefühlt, aber der Dritte funktioniert einfach besser. An diesem Punkt hat dein Körper gelernt, dieses Ding, diesen Song an die Welt freizugeben. Und da geht es nicht darum, was der Sänger oder Performer fühlt, sondern wie es beim Hörer ankommt. Der Sänger wird irgendwann denken, dass er nicht am Punkt ist oder nicht sein Bestes gibt, um den Song zu kommunizieren, aber es kann sein, dass es gerade dann am besten ist, wenn man all den emotionalen Müll auf die Seite räumt und der Sänger einfach den Song singt. Das ist ungefähr so, wie wenn ein Regisseur einen Schauspieler die Szene 30 oder 40mal wiederholen lässt, nur um die Technik des Schauspielers zu umgehen und es ihn ganz einfach und simpel spielen zu lassen. Es ist gut, die Kraft des Songs zu vergessen, denn wenn dich der Song mitreißt und du weiter auf der Emotion dieses Songs reitest, dann bist du nicht vorbereitet, für das, was im nächsten Moment oder im nächsten Song passieren wird …“

Vollständiger Artikel in der Printausgabe.

Bonnie „Prince“ Billy live: 23. Juli, Conrad Sohm, Dornbirn; 24. Juli, Acoustic Lakeside Festival, Sittersdorf; 25. Juli, Arena Wien; 26. Juli, Posthof Linz

 

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