Punkt, Linie, Provokation

Zeichnungen als Urform des Denkens: Damien Hirst in der Albertina Modern

Damien Hirst, Untitled (Tiger Shark in Tank), 2003. Bleistift auf Papier. Photographed by Stephen White © Damien Hirst and Science Ltd. All rights reserved/ Bildrecht, Wien 2025

Damien Hirst ist ein Künstler der Extreme. Er konservierte Tiere in Formaldehyd, vergrub Ironie in Gold und hinterließ der Kunstwelt mehr Fragen als Antworten. Was aber passiert, wenn dieser Chronist des Zeitgenössischen nicht mit Skalpell und Stahl, sondern mit Bleistift und Papier arbeitet? Die Albertina Modern wagt diese stille, aber tiefgreifende Fragestellung – mit der ersten musealen Ausstellung seiner Zeichnungen.

Diese Schau ist kein Rückblick im herkömmlichen Sinn. Sie ist vielmehr ein Blick unter die Oberfläche eines Künstlers, der das Sichtbare so oft dem Konzept unterordnet. Die Zeichnungen, viele davon entstanden seit den 1980er Jahren, offenbaren eine andere Handschrift: präzise, persönlich, oft überraschend zart. Sie sind keine Nebenprodukte, keine Vorstudien zum Spektakel – sie sind eigenständige Gedankenträger, Notationen einer künstlerischen Sprache, die ihren Ursprung nicht im Material, sondern in der Idee hat.

Damien Hirst, Away from the Flock, 1994. Bleistift auf Papier.
Photographed by Stephen White © Damien Hirst and Science Ltd. All rights reserved/ Bildrecht, Wien 2025

Ein zentrales Kapitel widmet sich Treasures from the Wreck of the Unbelievable, jenem grandiosen Spiel mit Historizität, Wahrheit und Täuschung. Die begleitenden Zeichnungen zitieren antike Fundzeichnungen – doch sie sind nie das, was sie zu sein scheinen. Auch hier inszeniert Hirst ein Vexierspiel der Bedeutung, eine Fiktion in der Form der Faktizität.

Besonders sprechend wird dieser Reflexionsprozess in der Installation Making Beautiful Drawings. Hier wird der künstlerische Akt zur Maschine, zur Geste des Zufalls, zur spielerischen Auslagerung der Kontrolle. BesucherInnen können Teil dieses Prozesses werden – und erleben so Hirsts Interesse an Wiederholung, an der Mechanik des Schönen, an der absichtsvollen Absichtslosigkeit.

Damien Hirst, Beautiful Temporarily Lost At Sea Drawing, 2008.
Photographed by Prudence Cuming Associates Ltd © Damien Hirst and Science Ltd. All rights reserved/ Bildrecht, Wien 2025

Die Ausstellung belässt es nicht beim Papier. Skulpturen aus Serien wie Natural History und Treasures treten hinzu, spannen mediale Bögen, lassen das Zeichnerische mit dem Dreidimensionalen oszillieren. So entsteht kein lineares Narrativ, sondern ein Geflecht von Gedanken, Medien und Bedeutungen.

Diese Zeichnungen sind keine leisen Fußnoten. Sie sind das Fundament einer künstlerischen Praxis, die das Denken sichtbar macht. Zwischen Linie und Idee, Papier und Provokation entsteht ein Porträt Hirsts, das tiefer geht als viele seiner lauteren Werke – und das vielleicht zum ersten Mal zeigt, wie sehr bei ihm alles mit dem Zeichnen beginnt.

 

Damien Hirst, Drawings
Albertina Modern, Wien
bis 12. Oktober

 

| | Text: Mitko Javritchev
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