Die Notizbücher und Kalender von paper republic kann man getrost als einzigartig bezeichnen: Das Wiener Unternehmen bezieht seine Rohstoffe ausschließlich aus Europa und produziert in Österreich. Langlebige, nachfüllbare Ledereinbände stehen für Qualität und Nachhaltigkeit. Analoge Produkte und digitale Vertriebswege verbinden sich erfolgreich; erst kürzlich eröffnete zudem ein Flagship Store im 1. Bezirk.
FAQ: Herr Bacquias, wie kam es zur Gründung von paper republic?
Jérôme Bacquias: Ich war privat in Korea und habe mir dort in einer Kleinstadt eine Fabrik angesehen, die Papier herstellt. Das war aber noch kein unmittelbarer Trigger. Nach meiner Rückkehr nach Europa habe ich meinen frustrierenden Job als Unternehmensberater gekündigt. Ich suchte nach etwas, das ich gerne machen würde, und wusste im Grunde nur, dass ich nie wieder als Unternehmensberater arbeiten wollte. Dann fiel mir ein, dass ich sehr, sehr gerne schreibe. Ich habe immer schon jede Menge Notizbücher verwendet – das kam alles zusammen.
Also im Grunde reiner Zufall?
Absolut. Ich habe diese Fabrik rein zufällig in einem Hinterhof entdeckt.
Was hat sie als gebürtigen Franzosen nach Wien geführt?
Ich habe in Frankreich studiert, mit 24 ging ich nach Belgien, studierte dort Europäisches Recht und arbeitete in diesem Bereich. Damals hatte ich eine Fernbeziehung, meine Freundin lebte in Frankreich – dorthin wollte ich aber nicht zurück. Also haben wir nach einem Ort in Europa gesucht, an dem wir zusammenleben können, sahen uns ein paar Länder an und dachten schließlich: „Österreich wäre ein nettes, neutrales Feld. Probieren wir es mit Wien?“ Jahre später sind wir immer noch hier.
Zufall und Romantik …
(Lacht.) Zufall, Romantik und die enorme Entwicklung Wiens. Die Lebensqualität, die zentrale Lage in Europa, die Menschen. Die Stadt ist in den letzten zehn Jahren viel internationaler, moderner und offener geworden. Außerdem gibt es hier viel Geschichte. Für mich ist Wien definitiv eine der lebenswertesten Städte Europas.
Die oft behauptete Unfreundlichkeit der Wiener war kein Hindernis?
Nein. Meckern und jammern tue ich auch. (Lacht.) Die Wiener haben ein bisschen etwas Französisches an sich. Sie streiten und schimpfen gern, sind andererseits aber sehr liebenswürdig. Ich habe tolle Menschen hier getroffen.
Sie hatten anfangs keine Ahnung von Leder und Papier. Sind Sie Autodidakt?
Komplett. Ich wusste nur, welches Papier ich gerne habe, aber was das wirklich bedeutet – ob es gestrichen ist, welche Grammatur es hat –, das musste ich alles lernen. Ich habe mit Druckereien und Papierherstellern gesprochen, bin auf Messen gegangen und habe Gerbereien besucht. Ich habe Politikwissenschaft studiert – und das ist keine besonders gute Vorbereitung, was das Wissen über Leder und Papier betrifft.

Wie lange hat es gedauert, bis sie wirklich sagen konnten: „Jetzt habe ich Ahnung von der Materie“?
Ich glaube, erst jetzt. (Lacht.) Eine ungefähre Ahnung hatte ich aber relativ schnell. Als ich entschieden hatte, dass ich dieses Projekt in Angriff nehmen will, habe ich nach sechs Monaten die richtigen Leute gefunden. Die Firma war nach einem halben Jahr gegründet, dann ging es los.
War Ihre frühere Ausbildung in dieser Hinsicht hilfreich? Beispielsweise Know-how über Unternehmensgründung?
Nicht wirklich. Ich glaube, was geholfen hat, war, die richtigen Fragen zu stellen und strukturiert zu denken. Das gilt aber für viele Bereiche.
Woher kommt ihre Leidenschaft für Papier?
Bücher und Schreiben gehören für mich zusammen. Als dann bei mir eine Lebenskrise auftrat, waren Notizbücher eine große Hilfe und Unterstützung. Dabei ist das Niederschreiben von Gedanken eigentlich etwas sehr Persönliches. Schreiben kann eine gewisse Fiktion, eine gewisse Distanz zu sich selbst schaffen.
Ihr bekanntestes Produkt sind wiederverwendbare Ledernotizbücher namens „Grand Voyageur“. Wenn das Notizbuch im Inneren ausgeschrieben ist, kann es ersetzt werden. Ein Konzept, das gut in die Gegenwart passt, in der Nachhaltigkeit auch ein Trend geworden ist.
Die Nachhaltigkeit war von Anfang an da. Ich wollte Produkte machen, die Sinn haben und etwas bedeuten. Ein Produkt, von dem man weiß, wo es herkommt, eines, das man nicht wegwirft. Etwas fürs Leben. Inspiration kam auch durch meine vielen Reisen in jüngeren Jahren. Ich habe mir dort viele Produkte angesehen, aber es gab nie genau die Qualität oder das Format, das ich wollte. So ist es, Entrepreneur zu sein: Auf einmal kommt alles zusammen, man findet sein Produkt – und es passt.

Sie verwenden Leder für die Einbände der Notizbücher …
Ich habe damals entschieden, dass Leder das beste Material für die Hülle ist, weil es am längsten hält. Dann stellte sich die Frage nach dem besten Leder. Es gibt grob gesagt zwei Arten von Leder. Zunächst gibt es chromgegerbtes Leder – das ist das Industrieleder, das man überall findet, von Autositzen bis hin zu normalen Schuhen und Jacken. Das macht etwa 95 Prozent des Weltmarktes aus. Und dann gibt es fünf Prozent vegetabil gegerbtes Leder. Dieses wird mit Kräutern, Pflanzen und natürlichen Materialien gegerbt. Der Prozess dauert ungefähr acht Wochen. Mit Chrom dauert es dagegen nur ein paar Tage. Vegetabil gegerbtes Leder ist auch deutlich härter und entwickelt mit der Zeit eine Patina. Beim chromgegerbten Leder kommen oft künstliche Farbpigmente hinzu, dieses Leder verändert sich dann kaum mehr. Unser Leder hingegen entwickelt sich über die Zeit – genau das ist das Schöne daran.
Wie kommen Sie an das Leder?
Die besten Gerbereien sind für mich nach wie vor jene in Italien. Dort haben wir großartige Partner gefunden, mit denen wir seit über zehn Jahren zusammenarbeiten. Das Rindsleder ist übrigens nur ein Beiprodukt der Fleischindustrie. Wichtig ist uns, dass die Rinder ausschließlich aus Europa stammen: Frankreich, Schweiz, Deutschland. Man kann das genau nachverfolgen – wir wissen, wo das Tier herkam.
Wie sieht es mit dem Papier aus?
Als ich anfing, musste ich vieles lernen, etwa den Unterschied zwischen gestrichenem und ungestrichenem Papier. Mir war klar, dass ich ausschließlich ungestrichenes Papier verwenden wollte, also Papier ohne Beschichtung. Dann habe ich das beste Papier für Füllfederhalter und Stifte gesucht. Wir haben Blindtests durchgeführt und daraufhin zwei Papierarten ausgewählt: eine für Kugelschreiber und eine für Füllfederhalter. Ich habe mir die Manufakturen angesehen – mittlerweile arbeiten wir seit zehn Jahren zusammen. Eine Sorte kommt aus Schweden, die andere aus Österreich. Unsere „Book Refills“ – 96-seitige Notizbücher mit 120 Gramm Papier – sind unschlagbar zum Schreiben mit der Füllfeder. Zusätzlich haben wir ein spezielles Büchlein für Wasserfarben sowie handgeschöpftes Papier mit Baumwollanteil. Wichtig sind kurze Transportwege, denn Papier ist ein schweres Material – je weiter es transportiert werden muss, desto schlechter ist es für die Umwelt.
Man kann im neuen Geschäft in der Sonnenfelsgasse im 1. Bezirk Kaffee trinken, Croissants essen und in Büchern schmökern – sehr entspanntes Community-Building.
Wir hatten davor einen kleinen Shop im 9. Bezirk und haben fast ausschließlich online sowie über ausgewählte Partner verkauft. Heuer im Februar haben wir im Team entschieden, dieses Projekt hier zu starten – es war Liebe auf den ersten Blick. Man trifft hier Menschen, die vielleicht nicht direkt zu uns gehören, aber zu uns passen. Wir wollen hier auch Workshops und Abendkurse anbieten. Ein Ort, an dem sich Menschen wohl und richtig fühlen …
Lesen Sie das vollständige Interview in der Printausgabe des FAQ 83

