Es gibt Momente, in denen Musik nicht mehr nur Klang ist, sondern Architektur aus Schall und Stille. Am gestrigen Abend im Wiener Konzerthaus verwandelten Sigur Rós gemeinsam mit dem 41-köpfigen Patchwork Orchestra unter der Leitung von Robert Ames ihr aktuelles Album ÁTTA und Klassiker wie „Hoppípolla“ oder „Starálfur“ in großformatige Fresken.
Streicher und Bläser verstärkten nicht nur den schwebenden Gesang und die fließenden Klangschichten der Band – sie gaben der Musik auch eine sinfonische Wucht, die sie näher an klassische Kompositionen als an gängige Rockstrukturen rückte. „Ist das noch Post-Rock“ fragte man sich, während sich „Von“ in seiner langen Version auftürmte wie ein isländischer Fjord im Nebel.

Sigur Rós © Magdalena Blaszczuk
Die Setlist – neunzehn Stücke, sorgfältig inszeniert – blieb allerdings über weite Strecken monochrom. Sigur Rós leben von Wiederholung und Crescendi, die mehr durch Textur als durch Variation überzeugen. Doch in der strengen Akustik des Konzerthauses hätte man sich bisweilen eine mutigere Auflösung gewünscht.
Und trotzdem war der Abend ein Ereignis. Vielleicht, weil diese orchestralen Konzerte die letzte Gelegenheit sein sollen, Sigur Rós in diesem Format zu erleben. Vielleicht auch, weil es 2025 zwanzig Jahre her sein wird, dass „Takk…“ erschien – ein Album, das für viele Zuhörer zum Soundtrack einer ganzen Epoche wurde.
Als die letzten Töne von „Avalon“ verklangen und die Musiker minutenlang im Applaus standen, wirkte es, als hätte Sigur Rós für eine Nacht die Trennlinie zwischen Pop- und Symphoniekonzert gelöscht. Was bleibt, ist das Gefühl, einer neuen Form von Klassik beigewohnt zu haben: einer Klassik aus Drones, Falsett und Stille.

