Gleich zu Beginn wird der Adrenalinspiegel kräftig in die Höhe getrieben. Sonny Hayes vollzieht noch rasch seine gewohnten Rituale (wie eine Spielkarte in den Overall zu stecken), bevor er sich aufmacht, seinen Teamkollegen hinter dem Steuer des Rennwagens abzulösen. Ein fliegender Wechsel, wie das beim traditionsreichen 24-Stunden-Rennen von Daytona üblich und mit jeder Menge Stress verbunden ist. Unterlegt wird das hektische Geschehen sowie Sonnys anschließende wilde Fahrt mit Led Zeppelins „Whole Lotta Love“, was die Dynamik zusätzlich auglädt. Beinahe kontrapunktisch wirkt dagegen Sonnys Reaktion, nachdem er sein Gefährt an die Spitze pilotiert hat. Am überschäumenden Jubel seines Teams mag er nicht teilhaben, den prestigeträchtigen Sieg nimmt er gelassen hin. Eine Eröffnungssequenz, die in mehrfacher Hinsicht den erzählerischen Duktus von F1 vorwegnimmt.
Besagter Sonny Hayes erweist sich als zentrale Figur von F1, der als präsumtiver Blockbuster dieses Kinosommers gehandelt wird. Brad Pitt verkörpert den Veteranen, in dessen bewegter Vergangenheit der Schlüssel zu seiner beinahe stoisch anmutenden Haltung liegt. Denn Sonny hatte es vor knapp drei Jahrzehnten bereits geschafft, in der Königsklasse des Motorsports, der Formel 1, Fuß zu fassen. Der junge Fahrer galt als herausragendes Talent, dem eine große Karriere prophezeit wurde. Doch dann ließ er sich im Überschwang zu einem riskanten Überholmanöver hinreißen – und das ausgerechnet gegen einen der besten Fahrer aller Zeiten, Ayrton Senna. Eine Aktion, die mit einem heftigen Unfall endete. Ein Unfall, bei dem sich Sonny schwere Rückenverletzungen zuzog, die seiner Zeit in der Formel 1 ein vorzeitiges Ende setzte. Seither lässt er sich ein wenig treiben, nimmt Engagements als Fahrer in Rennklassen unterschiedlichster Art wahr und versucht sein Glück als professioneller Spieler. Eingetragen hat ihm das ein Wohnmobil als Hauptwohnsitz und in der Rennszene das Attribut „the best that never was“.

Doch dann ergibt sich völlig unerwartet die Chance, noch einmal in das Cockpit eines Formel-1-Autos zurückzukehren. Ruben Cervantes (Javier Bardem), ein ehemaliger Teamkollege von Sonny und nun selbst Besitzer eines Rennstalls, hat mitten in der Saison einen seiner Fahrer verloren. Nun möchte er für die neun verbleibenden Rennen Sonny als Ersatz engagieren. Doch die Sache hat einen Haken: Cervantes’ Team APXGP hinkt dem Rest des Feldes in schöner Regelmäßigkeit hinterher und gilt als hoffnungsloser Fall.
F1 kann auf eine etwas ungewöhnliche Produktionsgeschichte verweisen. Regisseur Joseph Kosinski, der sich mit dem dystopischen Science-Fiction-Film Oblivion (2013) und Top Gun: Maverick (2022), dem Sequel zu einem der großen Blockbuster der achtziger Jahre, einen Namen machen konnte, beabsichtigte, einen Rennsportfilm von größtmöglicher Authentizität, was Atmosphäre und das Renngeschehen selbst angeht, zu machen. Um ein solches Projekt zu stemmen, brauchte es aber auch einen Produzenten vom Kaliber Jerry Bruckheimers, der es in seiner langen Karriere verstanden hat, mit Multi-Millionen-Budgets umzugehen und bereits bei Top Gun: Maverick mit Kosinski zusammengearbeitet hat. Zudem konnte sich der Regisseur der fachlichen Mitarbeit des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton versichern, der als einer der Produzenten von F1 fungiert.
Damit war ein Personalpaket geschnürt, um den vermutlich größten Brocken angehen zu können: Die Einigung mit dem Unternehmen Formula One Group, das für die Vermarktung der weltbekannten Rennsportserie zuständig ist. Tatsächlich konnte das Filmteam letztendlich mit voller Unterstützung der Marke Formel 1 drehen, diverse Rechteabklärungen waren somit obsolet. Der Beistand ging jedoch noch weiter: Das fiktive Team APXGP wurde für einige reale Rennwochenenden quasi in den Formel-1-Zirkus integriert. Für das Rennen in Silverstone platzierte man etwa eine eigene APXGP-Box zwischen jene echter Rennställe wie Ferrari und Mercedes. Kosinskis Inszenierung nützt diese Gelegenheit, um die permanente Hektik, die in der Boxengasse während Trainings und Rennen herrscht, atmosphärisch dicht einzufangen.

Der Ansatz, aktuelles, reales Renngeschehen in einen fiktionalen Film über die Formel 1 zu integrieren, hat eine jedoch eine beinahe schon legendär zu nennende Vorgeschichte. Mitte der sechziger Jahre plante Steve McQueen – neben seiner illustren Schauspielkarriere selbst enthusiastischer Motorsportler – einen Film, der möglichst dicht und realitätsnah das Flair der Formel-1-Rennen einfangen sollte. Regisseur John Sturges, mit dem McQueen bereits The Magnificent Seven und The Great Escape gedreht hatte, arbeitete 1965 während einiger Grand-Prix-Veranstaltungen bereits an Szenen von „Day of the Champion“ – so sollte der Titel des Film lauten – mit Original-Rennatmosphäre.
Einige erhaltene Sequenzen, die man in der Dokumentation Steve McQueen: The Lost Movie begutachten kann, vermitteln einen guten Eindruck davon, dass hier ein spannendes Projekt auf einem sehr guten Weg war. Doch die weiteren Dreharbeiten verzögerten sich, weil Steve McQueen länger als geplant bei The Sand Pebbles (Kanonenboot am Yangtse-Kiang) am Set bleiben musste. Zwischenzeitlich wurde mit John Frankenheimers Grand Prix ein anderer Rennfilm fertiggestellt, weshalb Warner Bros. sich entschied, die Produktion von „Day of the Champion“ abzubrechen. Steve McQueen wollte sich durch diesen Rückschlag nicht von der grundsätzlichen Idee eines authentischen Films im Rennsportmilieu abbringen lassen. Verwirklichen wollte er diese Vorstellungen mit Le Mans. Teile des Films drehte man 1970 während des 24-Stunden-Rennens, das alljährlich nahe der titelgebenden französischen Stadt stattfindet. Doch weil McQueen sich primär für die Rennsequenzen interessierte und die Entwicklung eines nur halbwegs dramaturgischen Anforderungen entsprechenden Plots vernachlässigte, zerstritt er sich mit John Sturges, der noch während der Dreharbeiten das Projekt hinter sich ließ. Trotz all dieser Friktionen kann Le Mans mit Rennsequenzen aufwarten, die semidokumentarische Genauigkeit aufweisen.

Was die Geschichte abseits des Geschehens auf der Rennstrecke angeht, haben sich Joseph Kosinski und Drehbuchautor Ehren Kruger auf bewährte Elemente verlassen. Brad Pitt verleiht Sonny Hayes die richtige Mischung aus Coolness und Abgeklärtheit. Der Veteran repräsentiert den Rennfahrer der sechziger und siebziger Jahre. Da dominierten Jackie Stewart, Jochen Rindt, Emerson Fittipaldi, Mario Andretti oder James Hunt – oder einige Jahre später Ayrton Senna und Gilles Villeneuve – das Geschehen. Charismatische Typen, die auch abseits der Rennstrecke für Glamour sorgten und für die hinter dem Steuer jenes Motto galt, das der österreichische Skispringer Jan Hörl wiederholt strapaziert: Sieg oder Sarg. Nur dass das im Fall der frühen Formel-1-Zeiten keine Metapher war, sondern tödliches Alltagsgeschäft.
Einiges davon spiegelt sich auch in der Figur Sonny Hayes wider, der, ganz Race Driver der alten Schule, bei Rennstrategien nicht auf Telemetrie, sondern seine Instinkte vertraut. Sein Teamkollege Damson Idris (Jason Pearce), Prototyp der gegenwärtigen F1-Generation, erscheint als das genaue Gegenteil. Technokratisch, glatt gebügelt im öffentlichen Auftreten und vor allem ein wenig zu sehr von sich eingenommen. Sonnys Aufgabe, dem jungen Mann von seiner Erfahrung profitieren zu lassen und Pearce zu einem Top-Fahrer zu machen, nimmt einen holprigen Anfang. Während sich die ungleichen Protagonisten nach erprobten dramaturgischen Mustern langsam annähern, fühlt man sich streckenweise an die Geduld von Jedi-Meister Yoda erinnert, als dieser den jungen Luke Skywalker ausbildet.

F1 zeichnet das Bild einer Rennserie zwischen rauem Charme, einem heraufbeschworenen Teamspirit, wie man ihn aus bewährten Sportfilmen kennt und natürlich Motorsport, wie ihn der Aficionado sehen möchte. Die akribisch in Szene gesetzten Rennsequenzen mit ihrem immersiven Charakter im Highspeed-Modus tun dabei ihr Übriges und verleihen F1 jenes Flair, das manchen Fans zufolge seit der Übernahme der Formula One Group durch den Konzern Liberty Media Corporation verloren gegangen ist. Die breite Unterstützung des Filmprojekts dürfte dem Image der Marke Formel 1 zweifellos genutzt haben. Wie hätte man sonst Max Verstappen und Lewis Hamilton dazu bewegen können, Sekundenauftritte zu absolvieren, um Brad Pitt & Co ein stimmungsvolles Ambiente zu verschaffen?
F1
Action/Drama USA 2025 — Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Ehren Kruger; Kamera: Claudio Miranda; Schnitt: Stephen Mirrione; Musik: Hans Zimmer
Mit: Brad Pitt, Damson Idris, Javier Bardem, Kerry Condon, Kim Bodnia, Shea Whigham, Sarah Niles
Verleih: Warner Bros., 148 Minuten
Kinostart: 26. Juni 2025

