Subversive Verneinung

Bartleby der Schreiber von Herman Melville ist eine Schlüsselfigur der Moderne. Eine neue Adaption der Erzählung, die bei der Viennale Weltpremiere hat, könnte zu einem Schlüssel für das ganze Festival werden.

Josh O’Connor in Kelly Reichardts „The Mastermind“

Der Beruf des Schreibers hat sich im Lauf der Jahrhunderte stark verändert. Bis fast in unsere Gegenwart war Abschreiben wesentlich häufiger als selbst Schreiben, gab es doch Kopierer oder Scanner welthistorisch gesehen die längste Zeit nicht. Vielleicht wüssten wir heute gar nicht mehr, was ein Schreiber einmal war, gäbe es nicht diese berühmte Figur aus der Erzählung von Herman Melville: „Bartleby, the Scrivener“ aus dem Jahr 1853. Viele Menschen können den berühmtesten Satz daraus zitieren: „Ich möchte lieber nicht – I would prefer not to“. Lakonischer und unüberwindlicher lässt sich eine Absage nicht leicht formulieren. Bei der diesjährigen Viennale steht die Uraufführung einer Verfilmung der Erzählung von Bartleby an, die man getrost als eine der Sensationen des diesjährigen Festivals betrachten kann. B wie Bartleby stammt nämlich von Angela Summereder, die 1981 einen der ersten großen Filme des österreichischen Gegenwartskinos gemacht hat: Zechmeister ging damals von einem Gerichtsverfahren gegen eine Frau aus, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Mann getötet hatte. Ein Androzid, der potentiell einem Femizid zuvorkam. Angela Summereder war seither nie wirklich weg, sie hat regelmäßig, wenn auch nicht jedes Jahr, Filme gemacht, und doch ist B wie Bartleby so etwas wie ein Comeback. Oder ein Neustart. Die Viennale hat die Gelegenheit jedenfalls überrissen, und widmet Summereder dieses Jahr eine Monografie, also einen der Schwerpunkte, einen kleinen Zusammenhang in einem ansonsten naturgemäß wie jedes Jahr vielfältigen und heterogenen Programm.

„B wie Bartleby“, Österreich 2025. Regie: Angela Summereder

Vielfach wurde darüber nachgedacht, wie Bartlebys Satz zu verstehen ist: als eine radikale Verweigerung, die sich den Anschein bescheidener Höflichkeit gibt, dabei allerdings das Ausmaß an Subversion kaum verbirgt? Als einen heimlich höhnischen Aufruf zum Generalstreik? In einer Zeit, in der KI sich anschickt, viele Abläufe vollkommen zu verändern, ist Bartleby eine Schlüsselfigur für Rückzugsgebiete der Humanität. Angela Summereder macht mehrfache Sprechproben zu einem Prinzip ihres Films. Und so könnte man die Bartleby-Formel auch zu einem Mantra für individuelle Wege durch die Viennale machen. Negation schafft Raum für Affirmation.
Wer ins Kino geht, zieht sich auch für eine Weile aus den entfesselten Spielen der Äußerungsgesellschaft zurück, sagt zumindest implizit: Ich möchte jetzt gerade nichts posten, ich habe gerade kein exklusives Wissen über die Welträtsel, ich möchte gerade nicht ein sinnloser Kopist des Vorgegebenen sein, sondern mich öffnen für Neues. Festival ist, wenn dieser Rückzug immer wieder in ein Gespräch übergeht, im Raum der Stadt, zwischen den Filmen.

„Dry Leaf“, Deutschland, Georgien 2025. Regie: Alexandre Koberidse

„Roofman“, USA, 2025. Regie: Derek Cianfrance

Es gibt Wahlverwandte von Bartley im diesjährigen Programm, zum Beispiel den von Josh O’Connor gespielten Kunstdieb in Kelly Reichardts The Mastermind, oder die Fotografin Lisa, die in Georgien von Fußballplatz zu Fußballplatz unterwegs war, und darüber einfach verschwand, sodass nun zwei Männer in Alexandre Koberidzes Dry Leaf nach ihr suchen und sich dabei erst recht komplett verlaufen können; oder der gescheiterte Familienvater, den Channing Tatum in Roofman von Derek Cianfrance spielt, ein Einbrecher, der sich in einem Riesenspielzeugmarkt ein heimliches Quartier schafft, von wo aus er auf eine Weise ins Lebens zurückzukehren versucht, die halsbrecherisch vergeblich bleiben muss. Das waren jetzt drei sehr unterschiedliche Filme, Roofman ist eine amerikanische Mainstream-Komödie, Dry Leaf ein Experimentalfilm, der mit einem alten Handy gedreht wurde, The Mastermind eine der typischen Nebenstraßen durch Amerika, auf denen Kelly Reichardt so viel sieht. Aber wenn man mit einem Motiv, mit einer Assoziation durch die Viennale geht, stellen sich überraschende Ähnlichkeiten ein, werden Filme, die nichts miteinander zu tun haben, plötzlich zu Geschwistern.

2025 ist ein starkes Kinojahr, wie man es erwarten konnte. Auch wenn vieles dafür spricht, dass die Welt auf ein paar gravierende Abgründe zusteuert, so gilt auf einer anderen Ebene doch auch: Noch nie hatten so viele kluge Menschen in aller Welt Zugang zu den Produktionsmitteln des Kinos, noch nie war es einfacher, einen Film zu machen …

Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Printausgabe des FAQ 82

 

Viennale – Vienna International Film Festival
16. bis 28. Oktober 2025
www.viennale.at

| FAQ 82 | | Text: Bert Rebhandl
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