Für die einen ist Wahrheit relativ, ein maximal dehnbarer Begriff. Nicht für George Woodhouse (Michael Fassbender). Er glaubt an Ehrlichkeit, kann Lügner nicht ausstehen. Das ist bei ihm so drin. Der britische Geheimagent ist ein brillanter Beobachter und Meister der psychologischen Manipulation. Er sieht sich förmlich gezwungen, jeden Menschen zu entlarven, der ihn oder sein Land hintergeht. Sogar den eigenen Vater hat er ausspioniert und anschließend beruflich zu Fall gebracht. Darauf angesprochen, zieht es ihm kurz den Magen zusammen. Die Wunde sitzt bis heute tief.
Nun soll ausgerechnet die Person eine Verräterin sein, die George im Leben am wichtigsten ist: Seine Frau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett), ebenfalls Spionin – beide arbeiten für den gleichen Verein. Das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe ist allen ein Rätsel. Wie Kathryn an einer Stelle einräumt, wird ihre enge Verbindung mit George oft als professionelle Schwäche angesehen – als Belastung, die beide fatal kompromittiert. Doch die Erfolgsformel ist bestechend einfach: Einerseits schotten sie sich voneinander ab. „Black Bag“ ist eine Abkürzung, die sie für streng geheime Informationen entwickelt haben, die zu sensibel sind, um sie miteinander zu teilen. Mit anderen Worten: ein Allzweck-Alibi. Andererseits basiert ihre Liebe auf absoluter Hingabe und gegenseitigem Vertrauen: „Ich beobachte sie“, sagt George, „ich nehme an, sie beobachtet mich. Wenn sie in Schwierigkeiten kommt, ob selbst verschuldet oder nicht, werde ich alles in meiner Macht tun, um sie da rauszuholen, egal wie.“

Entsprechend zielstrebig und verbissen nimmt George sich der Aufgabe an, den vorliegenden Fall so schnell wie möglich zu lösen. Angeblich gibt es eine „Ratte“ im System. Eine Handvoll Mitarbeiter wird verdächtigt, eine potenziell verheerende Technologie gestohlen und an den Feind verkauft zu haben. Konkret geht es um eine Geheimwaffe namens Severus, deren Verschwinden die Geschichte zu einem komplexen Spionageplot ausweitet, zu dem auch Mord, Drohnen und Russen gehören. Neben Georges Frau hatten vier weitere Kolleginnen und Kollegen Zugang zu den nötigen Informationen. Hinter all dem trügerischen Schein eines aalglatten Spionagethrillers verbirgt sich im Kern ein virtuos ineinander verwobenes Beziehungsdrama, bei dem Kathryn zwischen die Fronten gerät.
Es sagt sich immer so leicht, aber ja, diese Kathryn ist eine Rolle wie für Cate Blanchett gemacht. Ihre Geheimagentin hat Klasse, Format, etwas Unnahbares, das bisweilen ins Unheimliche kippt. Geschmeidig fügt sie sich ein in das künstlich-kühle Setting des Films – eine Umgebung, die ihr in den letzten Jahren vor der Kamera immer mehr zur Heimat geworden ist. Was nicht heißt, dass die Australierin es sich mit unaufhaltsam zunehmendem Prestige in irgendeiner Weise bequem macht. Ihr Auftritt als eine um die Welt jettende Stardirigentin in Todd Fields furiosem Psychodrama Tár (2022) hat unlängst gezeigt, wie bestürzend nah sie im Spiel einer erfolgreichen Frau kommen kann, die schließlich an sich selbst, ihrer Schuld und der Gesellschaft zerbricht.

Am liebsten sind Blanchett nach wie vor die anspruchsvollsten Rollen: Figuren, die anecken, aus dem Rahmen fallen, in Ungnade stürzen oder herausfordern – nicht nur sich selbst. Sie spielt diese Figuren nicht nur, sie setzt sich aktiv für sie ein. Die 1969 geborene Tochter einer Lehrerin und eines texanischen Werbefachmanns mit Militärvergangenheit folgt gezielt einer Mission. Ihr Anliegen ist es, ihre Protagonistinnen aus sämtlichen Klassen und Konventionen zu befreien, die ihnen nicht nur von Hollywood vorgeschrieben werden – allerdings kommen ihre Figuren dabei meist nicht ungeschoren davon. So wie Jasmine, eine von Blanchetts oscarprämierten Paraderollen, die in Woody Allens Tragikomödie von 2013 ihren Traum von einem sorgenfreien Luxusleben begraben muss, weil sich ihr Ehemann mit seinen dubiosen Geschäften ins Aus katapultiert hat. Ähnlich zu kämpfen hat auch die erfolgreiche TV-Produzentin und CBS-Journalistin Mary Mapes in Truth (2015), die im Vorfeld der Wahlen 2004 wegen einer Reportage über Präsident George W. Bush ins Kreuzfeuer gerät. Aber man muss Blanchett nur in ihrer ersten tragenden Rolle als junge Glasfabrikantin in Gillian Armstrongs historischer Romanze Oscar and Lucinda (1997) sehen, um zu begreifen, dass bereits hier eine junge Frau auf der Bildfläche erscheint, um zu bleiben: Unbändig rüttelt die damals Ende Zwanzigjährige an der Seite von Ralph Fiennes an den bestehenden Normen, die ihre Titelheldin umgeben. Gleichzeitig geben beide ihrer Spielwut freien Lauf – im doppelten Sinn: Das ungleiche Paar im Film vereint eine Leidenschaft fürs Zocken, fürs Risiko und für unmögliche Ideen.
Mit George vereint Kathryn eine geradezu elektrifizierende Eleganz, die Lust am Versteckspiel, eine Leidenschaft für Kontrolle, Macht und Perfektion. Soderbergh gibt seinen beiden Hauptfiguren in Black Bag all das und noch mehr. Der Film ist die jüngste Zusammenarbeit des US-amerikanischen Regisseurs mit dem Drehbuchautor David Koepp, einem ähnlich schnellen und gewieften Denker, der die Mechanismen des Spionage-Genres mindestens genauso tief verinnerlicht hat wie die Klaviatur der Verführung – und der Irreführung. In den letzten drei Jahren haben die beiden mit Kimi (2022) und Presence (2024) bereits zuvor zwei Home-Invasion-Thriller für ein digital paranoides Zeitalter gedreht, die jeweils auf ihre Weise mit viel Witz, Stil und einer sorgfältig ausgewogenen formalen Raffinesse inszeniert sind.

Wie Blanchett ist auch Soderbergh stets daran gelegen, in seinen Filmen bestehende Normen zum Äußersten zu treiben oder gleich ganz zu verwerfen. Derart hochkarätig intrigante Spielchen wie Black Bag eignen sich besonders gut dafür. Blanchett weiß darum, und vielleicht basiert darauf zum Teil auch ihre Bindung an den Regisseur. Immerhin ist Black Bag nach The Good German (2006) und Ocean’s 8 (2018; Soderbergh fungierte als Produzent) bereits ihre dritte gemeinsame Zusammenarbeit im Kino, und die bislang gelungenste. Ebenso scheinen Soderbergh und Koepp ihr Thema sowie ihren „Groove“ gefunden zu haben. Orwells Überwachungsstaat ist auch in Black Bag real: Alle sechs Akteure sind beim britischen National Cyber Security Centre beschäftigt und somit im Grunde professionelle Voyeure. Jeder beobachtet jeden. Allen voran George, dem sieben Tage bleiben, um herauszufinden, was genau hier vor sich geht …
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BLACK BAG
Spionagefilm/Thriller, USA 2025 – Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Koepp; Kamera: Peter Andrews; Schnitt: Mary Ann Bernard; Musik: David Holmes; Production Design: Philip Messina; Kostüm: Ellen Mirojnick
Mit: Cate Blanchett, Michael Fassbender, Marisa Abela, Tom Burke, Naomie Harris, Regé-Jean Page, Pierce Brosnan
Verleih: Universal Pictures, 94 Minuten
Kinostart: 15. Mai 2025

