Mit seinen visionären Duftkompositionen, die das Gewöhnliche weit hinter sich lassen, ist Serge Lutens eine zeitgenössische Legende der Sinnlichkeit. Geboren 1942 im nordfranzösischen Lille, wuchs er in einer Pflegefamilie auf – eine Kindheit, die von Einsamkeit und innerer Flucht geprägt war und seine spätere künstlerische Sprache entscheidend beeinflusste. Seine Karriere begann er als Friseurlehrling, doch schon früh zeigte sich sein Gespür für Inszenierung, Ästhetik und Dramaturgie.
In den 1960er-Jahren wurde Lutens von Dior engagiert, um das Make-up-Universum der Marke neu zu definieren – eine Revolution in Farbe, Form und Ausdruck. Parallel dazu machte er sich als Fotograf einen Namen und arbeitete für die französische „Vogue“, „Elle“ und „Harper’s Bazaar“. Später prägte er als künstlerischer Leiter von Shiseido die visuelle Sprache der japanischen Kosmetikmarke – seine Kampagnen gelten bis heute als wegweisend.
Mit „Féminité du bois“, einem Duft, der die männliche Seite der Femininität zum Ausdruck bringt, kreierte er eines der ersten Unisex-Parfums der Welt. 2000 gründete er schließlich seine eigene Parfumlinie unter dem Namen Serge Lutens. Seine Duftkollektionen sind kompromisslos, avantgardistisch und zutiefst poetisch – inspiriert von seinen Erfahrungen als Fotograf, Stylist, Filmemacher und Parfümeur.
Heute ist Lutens’ Universum nicht nur in seinen Düften, sondern auch in seinen drei exklusiven Boutiquen erlebbar: in Moskau, im Palais Royal und auf der Rue du Faubourg Saint-Honoré in Paris.
Mit seinem neuesten Duft „Le perce-vent“ erweitert Serge Lutens die „Collection Noire“ um eine olfaktorische Zuflucht – eine Komposition aus Moschus, Muskatellersalbei und weißem Amber, die Hoffnung und Frieden verströmt.

Im exklusiven Interview spricht der in Marrakesch lebende Künstler über seine Inspiration, seine kreative Unabhängig-keit, die Bedeutung von Stille – und die Zukunft der Parfümerie.
FAQ: „Le perce-vent“ trägt eine wichtige Botschaft – die Hoffnung auf Weltfrieden. Soll diese Botschaft die Menschen zum Nachdenken anregen? Wie geht man heute in der kreativen Welt mit politischen Themen um?
Serge Lutens: „Le perce-vent“ ist der Versuch, sich selbst treu zu bleiben, sich nicht von diesen widersprüchlichen Winden mitreißen zu lassen – den Strömungen der Masse. Während der Kreation erschien mir das Bild des Schneeglöckchens – jener zarten Blume, die sich durch den frostigen Boden kämpft, um den Frühling zu verkünden. „Le perce-vent“ ist genau das: eine Suche nach Ideal und Freiheit. Eine Reise ohne Ende, denn selbst die kleinste Brise findet ihren Weg durch die Türspalte. Es gibt immer eine Lösung.
Man spricht von einer neuen Empfindlichkeit in der Kunst: Viele vermeiden es, Werke anderer Künstler zu bewerten, aus Angst, jemanden zu verstören oder zu diskriminieren. Wofür sollte Kunst Ihrer Meinung nach heute stehen?
Wahre Kunst verteidigt sich selbst – sie ist unübersehbar. Bacon, Velázquez, Dürer oder Kirchner müssen nicht gerechtfertigt werden. Ihre Wahrheit ist offensichtlich. Wenn etwas inszeniert, manipuliert oder auf die Gesellschaft zugeschnitten ist, wird es entlarvt. Kunst ist uns immer voraus, sie erleichtert uns, befreit uns. Selbst wenn sie monströs erscheint, bedeutet es nur, dass wir sie gebraucht haben. Sie ist der Ausdruck dessen, was nicht mehr zurückgehalten werden kann.
Neben Ihrer großen Leidenschaft für Düfte interessieren Sie sich auch sehr für Literatur. Was haben diese beiden Künste gemeinsam?
Ein Duft ist eine schwebende Brücke zwischen Bild und Wort. Doch ich bin noch nicht ganz auf der anderen Seite angekommen – es ist eine Verpflichtung! Wenn ich meine Lebensschuld begleichen will, muss ich schreiben. Der Duft allein reicht mir nicht. Ich muss das andere Ufer erreichen.
Ihre Duftkompositionen erzählen Geschichten – gibt es ein Parfum in Ihrer Kollektion, das Ihre eigene Lebensgeschichte am besten widerspiegelt?
Ja und nein. Aber es gibt Düfte, die starke Meilensteine in meinem Weg gesetzt haben: „Ambre sultan“, „Cuir mauresque“, „Serge noire“, „L’orpheline“. Als Jean Genet nach dem Besuch des Lagers in Sabra und Schatila „Quatre heures à Chatila“ schrieb, konnte er sich nicht gegen ein seltsames Vergnügen am Schrecken wehren – ein Gefühl, das auch ich empfinde, wenn ich von entsetzlichen Dingen erzähle. Manche Geschichten müssen erzählt werden, auch wenn sie entsetzlich sind.
Ihre Kunst geht weit über die Parfümerie hinaus – Sie haben als Fotograf, Stylist und kreativer Visionär gearbeitet. Gibt es eine Konstante, die sich durch all Ihre Ausdrucksformen zieht?
Ja, vermutlich. Da ich mich selbst stets im Schatten sah, blieb mir nichts anderes übrig, als mich selbst zu definieren. Die Schuld meiner Geburt ließ mir keine Wahl: Ich musste nachdenken, mich verteidigen und Antworten finden – soweit es meine Grenzen zuließen.
Können Düfte die Welt besser machen?
Wenn dem so wäre, würde ich nie aufhören, sie zu erschaffen.
Warum tragen die Menschen Düfte auf?
Nicht alles sollte parfümiert werden – sonst droht eine schleichende Abstumpfung unseres Geruchssinns. Das ist gefährlich. Denn vergessen wir nicht: Die ursprüngliche Funktion unserer Nase war es, uns zu warnen! Sie dient ursprünglich dem Überleben, nicht der Betäubung.
Versetzen Sie sich bei der Kreation eines neuen Dufts eher in eine Frau oder einen Mann? Gibt es in der Parfumwelt eine tatsächliche Gleichstellung, oder existiert weiterhin ein Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Düften?
Empfindsamkeit ist Empfindsamkeit – alles andere ist eine überholte Illusion. Man kann Atmosphären erschaffen, doch unsere Gesellschaft entwickelt sich stetig weiter. Und wer weiß heute noch, dass es männliche Rosen und weibliche Eichen gibt?
Ihre Zeit bei Shiseido war revolutionär. Sie haben nicht nur das Gesicht der Marke neu definiert, sondern auch bahnbrechende Düfte wie „Féminité du bois“ kreiert. Was bedeutete diese japanische Ästhetik für Ihre eigene künstlerische Entwicklung?
Die japanische Ästhetik verkörpert eine Art absolute Perfektion, eine Form der Heilung. Doch gerade dadurch wendet sie sich der Vergänglichkeit zu – und das fasziniert mich.
Was bedeutet Unabhängigkeit für Sie in Ihrer kreativen Arbeit?
Ich kann sie mir gar nicht anders vorstellen. Selbst als ich für Häuser wie Dior oder Shiseido arbeitete, bin ich immer unabhängig geblieben. Die Unabhängigkeit und ich – wir verstehen uns gut!

Serge Lutens © Laid Liazid
Ihre Düfte sind oft unkonventionell und mutig. Gibt es eine olfaktorische Grenze, die Sie bewusst nicht überschreiten?
Was einst als gewagt galt, wurde längst aufgegriffen und hat die Parfümerie nachhaltig geprägt. Ich verleugne meine Werke nicht, aber heute gibt es anderes zu tun. Die Kreativität treibt uns an, doch sie bleibt passiv. Wir haben keine Wahl. In jedem Schöpfer steckt eine Form von Gewalt, die ihren Ausdruck finden muss.
Ihre Parfums tragen oft geheimnisvolle, fast literarische Namen wie „L’orpheline“ oder „La vierge de fer“. Beginnt ein Duft für Sie mit einer Geschichte, einer Emotion oder mit einer bestimmten olfaktorischen Note?
Manchmal ist es eine mysteriöse Duftnote, manchmal ein unerwarteter Name, der sich aufdrängt. Es ist eine Begegnung. Es ist eine Begegnung – frei und nicht einem System unterworfen. Es sind Gelegenheiten, an denen man innehalten muss. Ein Glück, ein Unglück – doch man muss es erleben, es aussprechen!
Ihre Arbeit wird oft mit Synästhesie beschrieben – Ihre Düfte rufen Bilder, Farben, Texturen hervor. Wenn Sie Serge Lutens in einer Farbe, einem Bild oder einer Melodie ausdrücken müssten – was wäre es?
Schwarz, denn Schwarz ist die Zuflucht aller Farben, wie Bachelard es sagte. Es ist Schwarz, es ist Weiß. Weiß verbirgt nichts, Schwarz enthält alles!
Sie leben seit vielen Jahren in Marrakesch. Würden Sie sagen, dass die marokkanische Kultur auf Ihre Düfte einen Einfluss hat?
Ja, auch wenn es eher eine Kultur ist, die ich geträumt als wirklich gelebt habe. Alles, was wir in den ersten sieben Jahren unseres Lebens lernen, prägt den Menschen, der wir werden. Der Rest wird gelebt. Ich verstehe das Zitat von Edgar Faure sehr gut: „Kultur ist das, was bleibt, wenn man alles vergessen hat.“
Mit Ihrem Parfum „De profundis“ haben Sie versucht, den Tod einzufangen. Wenn Sie sich vorstellen, dass Ihr allerletztes Parfum Ihr Vermächtnis sein soll – welchen Duft würde er tragen, welche Geschichte würde er erzählen?
Es könnte nur ein leeres Flakon sein. Die Leere zieht mich an, sie saugt mich auf. Ich antworte Ihnen gerade aus dem Auto, während ich auf eine überwältigende Landschaft blicke. Vor mir das Chaos der Berge, zwei Menschen beten – ein Mann und eine verschleierte Frau. Es ist wunderschön! Das Licht ist von einer außergewöhnlichen Klarheit. Nichts ist reiner als der Tod. Am Ende sind wir nichts als Staub. Der Tod verlässt mich nie – er ist einer meiner innigsten Freunde.
Düfte sind eng mit Erinnerungen verbunden. Gibt es einen bestimmten Duft aus Ihrer Kindheit, der Sie besonders geprägt hat?
Wenn Sie „Le perce-vent“ meinen, würde ich sagen: Erinnerungen müssen Luft holen. Zeit ist dabei ein wesentlicher Faktor. Je weiter wir voranschreiten, desto näher kommen wir unserer Kindheit – und der Frage nach Vergebung. Warum haben wir gelitten, warum haben wir geurteilt? Urteile sind ein Irrtum – sie sind nicht menschlich. Richter sind bloß Ankläger, die sich selbst vergeben wollen. Urteilen ist eine schreckliche Sache. Niemand ist zu verdammen.
Sie haben in den 1960er-Jahren durch Ihre Arbeit in der Mode- und Beautybranche viele Ikonen kennengelernt. Hat diese visuelle Welt Ihr Verständnis von Schönheit beeinflusst – und wenn ja, wie drückt sich das in Ihren Düften aus?
Alles ist eine Fortsetzung. Ich habe Glückliche getroffen, vom Schicksal Verwöhnte, vom Leben Gekrönte – wie Diana Vreeland, Richard Avedon, Anjelica Huston … Menschen, über deren Wiege sich eine besonders wohlwollende Fee gebeugt hatte. Es gibt vorherbestimmte Lebenswege, aber auch persönliche, einzigartige Entwicklungen. Ich wurde geblendet von Intelligenz, Luxus, Schönheit. Und ich begriff: Wenn ich aus dem sozialen Sumpf herausfinden wollte, musste ich mich selbst definieren – meine Wut herauslassen. Ich bin ein zorniger Mensch.
Wie sehen Sie die Zukunft der Parfümerie? Wird sie immer künstlerisch bleiben oder zunehmend von Trends bestimmt?
Das Marketing nimmt immer mehr Raum ein – es ist wie eine aufdringliche Matrone, die alle nervt, aber die ewig Schwatzenden beruhigt. Alles dreht sich im Kreis, aber ich werde diesen Zirkel nie betreten. Ich würde lieber diese Welt verlassen, als in das Banale einzutreten.

