Wut und Paranoia

Paul Thomas Anderson verwandelt Thomas Pynchons Roman „Vineland“ in ein politisches Kaleidoskop der Gegenwart: ein Film über erschöpfte Revolutionäre, staatliche Paranoia und eine Generation, die sich den alten Mythen entzieht – jetzt auf 4K Ultra HD + Blu-ray.

One Battle After Another © Warner Bros.

Paul Thomas Andersons One Battle After Another entfaltet sich weniger als lineare Erzählung als vielmehr politisches Gedächtnisstück – ein Film voller Abschweifungen, ironischer Brechungen und Figuren, die ihre eigene historische Verspätung mit sich tragen. Anderson interessiert sich weniger für Suspense als für das Gefühl, dass Geschichte sich wiederholt, ohne Fortschritt zu garantieren. Der Titel wirkt dabei wie eine Diagnose: eine Schlacht nach der anderen, während die Revolution im Konjunktiv verharrt. Motive der amerikanischen Protestgeschichte werden nicht museal präsentiert, sondern treiben durch eine bewusst unscharfe Gegenwart, in der Vergangenheit und Zukunft ineinanderfließen. Die militanten Gruppen erscheinen dabei weniger als konkrete Bedrohung denn als Spiegel aktueller politischer Feindbilder – Projektionen, gegen die staatliche Macht ihre eigene Drastik legitimiert.

One Battle After Another © Warner Bros.

Paul Thomas Anderson nahm sich viel Freiheit, um Thomas Pynchons Roman Vineland aus dem Jahr 1990 für die Leinwand zu adaptieren. Während sich Pynchons Erzählung mit dem Übergang von der rebellischen Hippie-Gegen-kultur der sechziger Jahre zu den konservativen, von Bürger-rechtsverlusten und staatlicher Repression geprägten Reagan-Jahren beschäftigt, verschiebt Anderson diese historische Kluft formal in die Gegenwartin Bildern wie der Trennung von Migrantenkindern und ihren Eltern an der Grenze zwischen den USA und Mexiko sowie den heimtückischen Razzien der Einwanderungs- und Zoll-behörde (ICE). Der Film steht unter permanenter Explosionsdrohung – ein Pulverfass, das Andersons Ironie beharrlich am Zünden hindert. Leonardo DiCaprio (Bob Ferguson) spielt einen Revolutionär, der längst von seiner eigenen Legende überholt wurde. Anderson inszeniert ihn nicht als tragischen Helden, sondern als erschöpften Komiker; seine Erinnerungslücken funktionieren weniger als Gag denn als strukturelles Prinzip der Erzählung. Dadurch verschiebt sich das Gewicht der Geschichte: Nicht mehr die weißen männlichen Antihelden dominieren das Zentrum, sondern eine jüngere Generation, verdichtet in der Figur Willa (Chase Infiniti). Sie erscheint weniger als klassischer Charakter denn als Möglichkeit – eine offene Zukunft, die sich dem Zugriff des Films immer wieder entzieht.

One Battle After Another © Warner Bros.

Formal bleibt Anderson seiner Neigung zu erzählerischen Exkursen treu. Szenen wirken wie lose Marginalien, kleine Beobachtungen, die sich allmählich zu einer größeren Reflexion über Macht, Begehren und Performance verbinden. Besonders markant ist die Ambivalenz, mit der politische Gewalt zugleich erotisiert und ironisiert wird. Zwischen Perfidia Beverly Hills, einer schillernden Pop-Aktivistin zwischen Glamour, Performance und kalkulierter Pose (Teyana Taylor), Bob und dem grotesk überzeichneten Colonel Steven J. Lockjaw entsteht ein symbolisches Dreieck aus Race, Gender und Inszenierung, das eher essayistisch als dramatisch funktioniert. Sean Penn spielt Lockjaw, Leiter einer paramilitärischen Behörde, als kalkulierte Überzeichnung – eine Figur, die wie eine düstere Prophezeiung auf jüngste politische Ereignisse in Minnesota verweist.

Vielleicht gerade hierin liegt die stille Radikalität des Films. One Battle After Another verabschiedet sich von der Fantasie des großen politischen Moments und beobachtet stattdessen einen Generationenwechsel. Das Ergebnis wirkt wie ein elegischer Abgesang auf die rebellische Pose des Autorenkinos und zugleich wie eine tastende Skizze dessen, was danach entstehen könnte. Dass der Film bereits als Oscar-Favorit kursiert, überrascht kaum: Anderson hält Ernst und Ironie in einem schwebenden Gleichgewicht, das selten geworden ist. Nach dem Regiepreis der Directors Guild of America folgte nun ein Triumph bei den British Academy Film Awards (BAFTA) mit Auszeichnungen unter anderem für Film, Regie, adaptiertes Drehbuch, Kamera, Schnitt und Sean Penn als Nebendarsteller.

Ausgezeichnet mit sechs Oscars in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes adaptiertes Drehbuch, Bester Nebendarsteller (Sean Penn) und Bestes Casting.

Die Ende Jänner erschienene Ultra-HD-Fassung entfaltet eine eigentümliche visuelle Klarheit – ein Bild, das erst im wiederholten Blick ganz zur Ruhe kommt.

FAQ verlost zwei Exemplare von ONE BATTLE AFTER ANOTHER in 4K Ultra HD + Blu-ray
Senden Sie bis 15. April 2026 eine E-Mail mit dem Betreff „One Battle After Another“ an  gewinnspiel@faq-magazine.com

ONE BATTLE AFTER ANOTHER
Drama/Thriller – USA 2025

Regie, Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Michael Bauman; Schnitt: Andy Jurgensen; Musik: Jonny Greenwood
Mit: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Teyana Taylor, Chase Infiniti, Benicio del Toro
Länge: 162 Minuten
Warner Bros.

 

| FAQ 84 | | Text: Mitko Javritchev
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